Samstag, 29. März 2014



Ich dachte mir schon öfters in meinem Leben, dass ich doch eigentlich ein selten großes Glück habe. Ich durfte Dinge in meinem Leben sehen und erleben, die sich so mancher Mensch nur im Traum erdenken kann. Insbesondere hier in Peking (und das ist noch mitunter das reichste Pflaster in China) wird mir immer wieder bewusst, wie dankbar ich zu sein habe – und auch bin – für alles, was ich im Leben bisher erreichen durfte. Und eben hiervon wäre vieles nicht möglich ohne die Unterstützung von Familie und Freunden. Wovon ich konkret spreche: Ich habe meinen Schnitt durch die Bachelorarbeit von 1,5 auch auf 1,5 halten können und außerdem das DAAD Stipendium für die Strathclyde University erhalten.

Der Weg in den letzten Wochen und Monaten war bei Gott kein einfacher. Das klingt schon fast etwas zynisch, wenn ich mir die Probleme vor Augen halte, mit denen der Durchschnittschinese so zu kämpfen hat. Nichtsdestotrotz habe ich das Bedürfnis, mich bei einigen Leuten mal ausdrücklich zu bedanken, da ohne diese Menschen die letzte Zeit mit Sicherheit ganz anders ausgesehen hätte.
Da steht zum einen meine Familie. Seit ich denken kann war meine Familie immer für mich da, hat mich bei jeder Entscheidung unterstützt und versucht, mir auch in schwierigeren Zeiten zur Seite zu stehen. Das ist in Anbetracht meiner nicht immer einfachen Charakterzüge schon eine ganz große Leistung. Ihr schafft es aber mit eurer kontinuierlichen, unerschütterlichen und standhaften Unterstützung, mich regelmäßig sprachlos werden zu lassen. Der Weg bis zu diesem Stipendium hat mich einige Nerven gekostet. Als mir dann noch mein Laptop samt Bachelorarbeit geklaut wurde, und das nur vier Wochen vor Abgabetermin, war ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ohne eure Hilfe wäre ich hier verloren gewesen.

Zum anderen stehen da Freunde und Bekannte. Ich bedauere es zutiefst, dass ich die allermeisten von euch so selten sehe. Durch meinen chronischen Zeitmangel (und mittlerweile scheinen auch längere Auslandsaufenthalte ein zunehmendes Problem zu werden) weiß ich die Zeit mit euch aber umso mehr zu schätzen. Durch Pokerabende mit Norman und Philipp kann ich abschalten und entspannen, Telefongespräche mit Jens helfen mir regelmäßig meinen Verstand zu behalten, Abendessen mit Jonny zeigen mir neue Perspektiven, und Konversationen mit Anna dienen als Erfrischungskur. Durch vielleicht augenscheinlich kleine Dinge kommt mir mehr Unterstützung und Ruhe zu, als man im ersten Moment wahr nimmt.

Da euch vermutlich auch interessiert, was aktuell in Peking so passiert: Die Luft ist hundsmiserabel. Außerdem bin ich schwer mit Englischunterricht beschäftigt. Fest sind jetzt immerhin mal zweieinhalb Stunden Unterricht in der Woche. Da ich das Geld benötige, habe ich in den letzten 8 Tagen auch viel Unterricht eines erkrankten Lehrers übernommen. Außerdem hatte ich auch viele „demos“, also quasi eine kleine Demonstration des Unterrichts, um Lücken im Wissen von potentiellen Schülern aufzudecken, um diese dann für das Unternehmen (und indirekt mich!) als Kunden zu akquirieren. Gestern war dann auch eine größere „demo“ in einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter gerne im Gruppenunterricht in Sachen Englisch schulen möchte. Das ist vor allem deswegen gut, weil ich hier eine größere Verhandlungsmacht habe und aktuell auf 30 Euro Stundenlohn aus bin. Ob das Unternehmen mein Unternehmen – und damit mich als „teacher“ – anheuert, wird sich wohl nächste Woche klären.  

Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte, die vielleicht meine Liebe zu China etwas näher beleuchten kann.
Als ich eines Abends nach dem Englischunterricht mit dem Bus nach Hause fuhr, überquerte der Bus wie jedes Mal eine Brücke. Vielleicht war es der Zeitpunkt, der dieses Mal den Unterschied machte: Hier sah alles ein wenig surreal aus, mit den unter mir durchrauschenden Autos der sechsspurigen Schnellstraße, die sich bis ins fast unendliche zu strecken und zwischen den Häuserschluchten Pekings durchzuschlängeln schien. In eben jener Schlucht ging in exakt diesem Augenblick die Sonne unter und tauchte damit große Teile der Umgebung in ein anmutendes und beruhigendes tiefrot. Hier drückte ich meine Nase wie ein kleiner Junge gegen die Fensterscheibe des Busses, die in diesem Augenblick wie ein Fenster zur großen weiten Welt zu sein schien. Mit einer Mischung aus Melancholie, Heimweh, Stolz, Zufriedenheit und Harmonie sah ich die Sonne zwischen den Wolkenkratzern des Pekinger Time Squares untergehen. Vielleicht interpretierte ich zu viel in diesen Augenblick hinein, aber die gigantische Naturgewalt namens Sonne wirkte fast schon vergänglich zwischen den riesigen, von Menschenhand gemachten Bauten in Peking. Gänsehaut hatte ich aber allemal. Was aber dann die ganze Schönheit Chinas wirklich demonstrierte, erlebte ich erst, als ich direkt nach diesem Erlebnis aus dem Bus stieg.
Wie immer hatte ich noch 20 Minuten von der Haltestelle nach Hause zu marschieren. Mit dem Sonnenuntergang vor dem inneren Auge bog ich in meine Heimatstraße, auf der sich spätabends auf dem Gehweg ein knapp 800 Meter langer „Markt“ aufbaut. In diesen Momenten der großen Unterschiede (Wolkenkratzersonnenuntergang zu Gehwegstraßenmarkt) erlebe ich Peking und China wie sonst leider nur selten. Der Lärm durch die vielen Stände und vielen Menschen, die vielen blinkenden Lichter und Leuchtreklamen, die zur Nachtzeit die Straßen erhellen, die verschiedenen Köstlichkeiten, die von zwielichtigen bis vertrauenserweckenden Gestalten angeboten werden, die unterschiedlichen Gerüche, die von abstoßend bis verführerisch in der Nase duften, die Vielfalt der angebotenen Kleidung, Taschen, Accessoires, Gemüse, Fleisch, Fisch, Getränke, Holzschnitzereien, Glücksbringer, die unterschiedlichen Gefährte, die völlig wild und ohne Regel über Straße und Gehweg fahren, die verschiedenen Händler und Menschen, die sich Preise, Angebote und Nachrichten zurufen; all das entfaltet in seinem großen Durcheinander aber Miteinander den großen Charme Chinas. Es sind diese Momente in denen ich schmunzle und mich als „Langnase“ weiter durch die Menge drücke und ein komisches Gefühl der Gemütlichkeit empfinde.

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