Ich dachte mir schon öfters in meinem Leben, dass ich doch
eigentlich ein selten großes Glück habe. Ich durfte Dinge in meinem Leben sehen
und erleben, die sich so mancher Mensch nur im Traum erdenken kann.
Insbesondere hier in Peking (und das ist noch mitunter das reichste Pflaster in
China) wird mir immer wieder bewusst, wie dankbar ich zu sein habe – und auch
bin – für alles, was ich im Leben bisher erreichen durfte. Und eben hiervon
wäre vieles nicht möglich ohne die Unterstützung von Familie und Freunden.
Wovon ich konkret spreche: Ich habe meinen Schnitt durch die Bachelorarbeit von
1,5 auch auf 1,5 halten können und außerdem das DAAD Stipendium für die
Strathclyde University erhalten.
Der Weg in den letzten Wochen und Monaten war bei Gott kein einfacher.
Das klingt schon fast etwas zynisch, wenn ich mir die Probleme vor Augen halte, mit denen der Durchschnittschinese so zu kämpfen hat. Nichtsdestotrotz
habe ich das Bedürfnis, mich bei einigen Leuten mal ausdrücklich zu bedanken,
da ohne diese Menschen die letzte Zeit mit Sicherheit ganz anders ausgesehen hätte.
Da steht zum einen meine Familie. Seit ich denken kann war
meine Familie immer für mich da, hat mich bei jeder Entscheidung unterstützt
und versucht, mir auch in schwierigeren Zeiten zur Seite zu stehen. Das ist in
Anbetracht meiner nicht immer einfachen Charakterzüge schon eine ganz große
Leistung. Ihr schafft es aber mit eurer kontinuierlichen, unerschütterlichen
und standhaften Unterstützung, mich regelmäßig sprachlos werden zu lassen. Der
Weg bis zu diesem Stipendium hat mich einige Nerven gekostet. Als mir dann noch
mein Laptop samt Bachelorarbeit geklaut wurde, und das nur vier Wochen vor
Abgabetermin, war ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ohne eure Hilfe wäre
ich hier verloren gewesen.
Zum anderen stehen da Freunde und Bekannte. Ich bedauere es
zutiefst, dass ich die allermeisten von euch so selten sehe. Durch meinen
chronischen Zeitmangel (und mittlerweile scheinen auch längere
Auslandsaufenthalte ein zunehmendes Problem zu werden) weiß ich die Zeit mit
euch aber umso mehr zu schätzen. Durch Pokerabende mit Norman und Philipp kann
ich abschalten und entspannen, Telefongespräche mit Jens helfen mir regelmäßig
meinen Verstand zu behalten, Abendessen mit Jonny zeigen mir neue Perspektiven,
und Konversationen mit Anna dienen als Erfrischungskur. Durch vielleicht
augenscheinlich kleine Dinge kommt mir mehr Unterstützung und Ruhe zu, als man
im ersten Moment wahr nimmt.
Da euch vermutlich auch interessiert, was aktuell in Peking
so passiert: Die Luft ist hundsmiserabel. Außerdem bin ich schwer mit
Englischunterricht beschäftigt. Fest sind jetzt immerhin mal zweieinhalb
Stunden Unterricht in der Woche. Da ich das Geld benötige, habe ich in den
letzten 8 Tagen auch viel Unterricht eines erkrankten Lehrers übernommen.
Außerdem hatte ich auch viele „demos“, also quasi eine kleine Demonstration des
Unterrichts, um Lücken im Wissen von potentiellen Schülern aufzudecken, um
diese dann für das Unternehmen (und indirekt mich!) als Kunden zu akquirieren.
Gestern war dann auch eine größere „demo“ in einem Unternehmen, das seine
Mitarbeiter gerne im Gruppenunterricht in Sachen Englisch schulen möchte. Das
ist vor allem deswegen gut, weil ich hier eine größere Verhandlungsmacht habe
und aktuell auf 30 Euro Stundenlohn aus bin. Ob das Unternehmen mein
Unternehmen – und damit mich als „teacher“ – anheuert, wird sich wohl nächste
Woche klären.
Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte, die vielleicht
meine Liebe zu China etwas näher beleuchten kann.
Als ich eines Abends nach dem Englischunterricht mit dem Bus
nach Hause fuhr, überquerte der Bus wie jedes Mal eine Brücke. Vielleicht war
es der Zeitpunkt, der dieses Mal den Unterschied machte: Hier sah alles ein
wenig surreal aus, mit den unter mir durchrauschenden Autos der sechsspurigen
Schnellstraße, die sich bis ins fast unendliche zu strecken und zwischen den
Häuserschluchten Pekings durchzuschlängeln schien. In eben jener Schlucht ging
in exakt diesem Augenblick die Sonne unter und tauchte damit große Teile der
Umgebung in ein anmutendes und beruhigendes tiefrot. Hier drückte ich meine
Nase wie ein kleiner Junge gegen die Fensterscheibe des Busses, die in diesem
Augenblick wie ein Fenster zur großen weiten Welt zu sein schien. Mit einer
Mischung aus Melancholie, Heimweh, Stolz, Zufriedenheit und Harmonie sah ich
die Sonne zwischen den Wolkenkratzern des Pekinger Time Squares untergehen.
Vielleicht interpretierte ich zu viel in diesen Augenblick hinein, aber die
gigantische Naturgewalt namens Sonne wirkte fast schon vergänglich zwischen den
riesigen, von Menschenhand gemachten Bauten in Peking. Gänsehaut hatte ich aber
allemal. Was aber dann die ganze Schönheit Chinas wirklich demonstrierte,
erlebte ich erst, als ich direkt nach diesem Erlebnis aus dem Bus stieg.
Wie immer hatte ich noch 20 Minuten von der Haltestelle nach
Hause zu marschieren. Mit dem Sonnenuntergang vor dem inneren Auge bog ich in
meine Heimatstraße, auf der sich spätabends auf dem Gehweg ein knapp 800 Meter
langer „Markt“ aufbaut. In diesen Momenten der großen Unterschiede
(Wolkenkratzersonnenuntergang zu Gehwegstraßenmarkt) erlebe ich Peking und
China wie sonst leider nur selten. Der Lärm durch die vielen Stände und vielen
Menschen, die vielen blinkenden Lichter und Leuchtreklamen, die zur Nachtzeit
die Straßen erhellen, die verschiedenen Köstlichkeiten, die von zwielichtigen
bis vertrauenserweckenden Gestalten angeboten werden, die unterschiedlichen
Gerüche, die von abstoßend bis verführerisch in der Nase duften, die Vielfalt
der angebotenen Kleidung, Taschen, Accessoires, Gemüse, Fleisch, Fisch,
Getränke, Holzschnitzereien, Glücksbringer, die unterschiedlichen Gefährte, die
völlig wild und ohne Regel über Straße und Gehweg fahren, die verschiedenen
Händler und Menschen, die sich Preise, Angebote und Nachrichten zurufen; all
das entfaltet in seinem großen Durcheinander aber Miteinander den großen Charme
Chinas. Es sind diese Momente in denen ich schmunzle und mich als „Langnase“
weiter durch die Menge drücke und ein komisches Gefühl der Gemütlichkeit
empfinde.
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