Obwohl ich dieses Mal keine Businessvorlesungen habe, finde
ich kaum Zeit, mich intensiver um den Blog zu kümmern…
Der Chinesischkurs geht gut voran. Jeden Tag gibt es neue Schriftzeichen, jeden Tag mehr Hausaufgaben. Hier ständig am Ball zu bleiben, kostet mich täglich (neben den knapp dreieinhalb Stunden eigentlichem Kurs) ca. 3 Stunden. Zusätzlich kommt das Hin-und Herlaufen von Unterkunft zur Uni (einfacher Weg ca. 20 Gehminuten in meinem Tempo). Daher ist es immer besonders ätzend, wenn ich an der Uni bemerke, dass ich etwas vergessen habe… Außerdem funktioniert „business“ hier in China leider nicht wie in Deutschland (was ich eigentlich hätte wissen müssen): Ich habe zwar einen Vertrag für Englischunterricht unterschrieben, leider kann ich aber erst dann zu unterrichten anfangen, wenn das Unternehmen einen Kurs bzw. einzelne Interessenten für mich hat. Und das kann nach Auskunft anderer „teacher“ mehrere Wochen dauern – manchmal hört man auch nie wieder etwas. Aus dem Grund habe ich die letzten zwei Tage eine zweite Bewerbungswelle gestartet, bisher aber leider ohne Erfolg. Für Deutschunterricht ist die Nachfrage leider zu gering…
Gerade mal fünf Bilder der Hochzeit findet ihr nach diesem Post. Ich habe leider selbst gerade erst bemerkt, dass Chiiya nur fünf
Bilder gemacht hat. Ich selbst habe mich nicht wirklich getraut, da ich als
Langnase ohnehin schon von allen angestarrt wurde und ich das auch nicht noch
befeuern wollte, indem ich von allem und jedem ein Bild mache.
Die chinesische
Hochzeit war unheimlich kitschig und unangenehm laut. Dafür konnte ich
wenigstens so exquisite Spezialitäten wie Seegurke und Pekingente genießen.
Ersteres ist übrigens eines der widerlichsten Dinge, die ich je gegessen habe,
kostet aber mehrere Hundert Kuai (ca. 75 Euro pro Seegurke, aber ich musste ja
nicht zahlen). Die schleimig-schlabbrige Konsistenz wird eigentlich nur durch
den sehr fischigen Geschmack getoppt. Naja, wenigstens hab ich es probiert.
Besondere Highlights der Hochzeit: Ultra-kitschiger
Laufsteg, auf dem die Braut vom Bräutigam singend
abgeholt wurde, schnulzige Diashows und Videoclips des Brautpaares und teils
abgefahrene Dekobilder. Für mich wirkte alles sehr aufgesetzt und nicht
besonders authentisch. Auf Nachfrage bei Chiiya und Papa selbiger bekam ich meine
Vermutung auch bestätigt: Heiraten tut man nach deren Aussage in China weniger
aus Liebe, sondern eher aus finanziellen Aspekten und insbesondere, um anderen
(es waren ca. 500 Gäste eingeladen) zu zeigen, wie viel Geld man aus dem
Fenster schleudern kann. Die Hochzeit in dem schmucken Luxushotel kostet nach
Aussage eines Insiders ca. 50.000 Knöpfe. Und zwar amerikanische, nicht chinesische…!
Chiiyas Vater meinte am Ende nur gelassen: In wenigen Monaten lassen die sich
eh wieder scheiden.
In Jinan hat es mir ganz gut gefallen. Am schwersten
beeindruckt hat mich der sehr einfache Lebensstil Chiiyas‘ Familie. Obwohl der
Vater einen sehr guten Job hat und sehr gut Geld verdient, lebt er enorm
sparsam, nimmt nach wie vor nur den Bus und handelt um den letzten Kuai beim
Einkauf auf dem Markt. Verschwendung bzw. Luxus sind für ihn ein Fremdwort und
selbst den Stecker fürs Warmwasser zieht er über Nacht aus der Steckdose. Da
sieht man ganz deutlich, in welcher Zeit er aufgewachsen und gelebt hat. Selbst
Frischwasser kauft er nicht im Laden sondern kocht daheim lieber Leitungswasser
ab. Bei all dieser Sparsamkeit und Bodenständigkeit ist er gleichzeitig sehr
großzügig und hat mir gleich von Anfang an klar gemacht, dass ich nicht dran zu
denken brauche, für irgendetwas zu bezahlen.
Obwohl er mir als sehr herzlicher, offener und neugieriger
Charakterkopf entgegentrat, war er auch distanziert. Als wir Jinan verließen
fragte ich daher bei Chiiya nach, ob das an mir läge, „typisch asiatisch“ wäre
oder ihr Vater einfach so ist. Sie meinte daraufhin nur, dass sie ihren Vater
noch nie so interessiert bzw. „zufrieden“ erlebt hätte; das wäre noch bei
keinem Menschen (also ihrer Bekannten, Freunden, etc.) so gewesen. Als ich sie
fragte, woran sie das festmachte, meine sie mit einem Schmunzeln: Er erinnerte
sich an deinen Namen.
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