Donnerstag, 13. März 2014



Obwohl ich dieses Mal keine Businessvorlesungen habe, finde ich kaum Zeit, mich intensiver um den Blog zu kümmern…

Der Chinesischkurs geht gut voran. Jeden Tag gibt es neue Schriftzeichen, jeden Tag mehr Hausaufgaben. Hier ständig am Ball zu bleiben, kostet mich täglich (neben den knapp dreieinhalb Stunden eigentlichem Kurs) ca. 3 Stunden. Zusätzlich kommt das Hin-und Herlaufen von Unterkunft zur Uni (einfacher Weg ca. 20 Gehminuten in meinem Tempo). Daher ist es immer besonders ätzend, wenn ich an der Uni bemerke, dass ich etwas vergessen habe… Außerdem funktioniert „business“ hier in China leider nicht wie in Deutschland (was ich eigentlich hätte wissen müssen): Ich habe zwar einen Vertrag für Englischunterricht unterschrieben, leider kann ich aber erst dann zu unterrichten anfangen, wenn das Unternehmen einen Kurs bzw. einzelne Interessenten für mich hat. Und das kann nach Auskunft anderer „teacher“ mehrere Wochen dauern – manchmal hört man auch nie wieder etwas. Aus dem Grund habe ich die letzten zwei Tage eine zweite Bewerbungswelle gestartet, bisher aber leider ohne Erfolg. Für Deutschunterricht ist die Nachfrage leider zu gering…

Gerade mal fünf Bilder der Hochzeit findet ihr nach diesem Post. Ich habe leider selbst gerade erst bemerkt, dass Chiiya nur fünf Bilder gemacht hat. Ich selbst habe mich nicht wirklich getraut, da ich als Langnase ohnehin schon von allen angestarrt wurde und ich das auch nicht noch befeuern wollte, indem ich von allem und jedem ein Bild mache.
 Die chinesische Hochzeit war unheimlich kitschig und unangenehm laut. Dafür konnte ich wenigstens so exquisite Spezialitäten wie Seegurke und Pekingente genießen. Ersteres ist übrigens eines der widerlichsten Dinge, die ich je gegessen habe, kostet aber mehrere Hundert Kuai (ca. 75 Euro pro Seegurke, aber ich musste ja nicht zahlen). Die schleimig-schlabbrige Konsistenz wird eigentlich nur durch den sehr fischigen Geschmack getoppt. Naja, wenigstens hab ich es probiert.
Besondere Highlights der Hochzeit: Ultra-kitschiger Laufsteg, auf dem die Braut vom Bräutigam singend abgeholt wurde, schnulzige Diashows und Videoclips des Brautpaares und teils abgefahrene Dekobilder. Für mich wirkte alles sehr aufgesetzt und nicht besonders authentisch. Auf Nachfrage bei Chiiya und Papa selbiger bekam ich meine Vermutung auch bestätigt: Heiraten tut man nach deren Aussage in China weniger aus Liebe, sondern eher aus finanziellen Aspekten und insbesondere, um anderen (es waren ca. 500 Gäste eingeladen) zu zeigen, wie viel Geld man aus dem Fenster schleudern kann. Die Hochzeit in dem schmucken Luxushotel kostet nach Aussage eines Insiders ca. 50.000 Knöpfe. Und zwar amerikanische, nicht chinesische…! Chiiyas Vater meinte am Ende nur gelassen: In wenigen Monaten lassen die sich eh wieder scheiden.
In Jinan hat es mir ganz gut gefallen. Am schwersten beeindruckt hat mich der sehr einfache Lebensstil Chiiyas‘ Familie. Obwohl der Vater einen sehr guten Job hat und sehr gut Geld verdient, lebt er enorm sparsam, nimmt nach wie vor nur den Bus und handelt um den letzten Kuai beim Einkauf auf dem Markt. Verschwendung bzw. Luxus sind für ihn ein Fremdwort und selbst den Stecker fürs Warmwasser zieht er über Nacht aus der Steckdose. Da sieht man ganz deutlich, in welcher Zeit er aufgewachsen und gelebt hat. Selbst Frischwasser kauft er nicht im Laden sondern kocht daheim lieber Leitungswasser ab. Bei all dieser Sparsamkeit und Bodenständigkeit ist er gleichzeitig sehr großzügig und hat mir gleich von Anfang an klar gemacht, dass ich nicht dran zu denken brauche, für irgendetwas zu bezahlen.
Obwohl er mir als sehr herzlicher, offener und neugieriger Charakterkopf entgegentrat, war er auch distanziert. Als wir Jinan verließen fragte ich daher bei Chiiya nach, ob das an mir läge, „typisch asiatisch“ wäre oder ihr Vater einfach so ist. Sie meinte daraufhin nur, dass sie ihren Vater noch nie so interessiert bzw. „zufrieden“ erlebt hätte; das wäre noch bei keinem Menschen (also ihrer Bekannten, Freunden, etc.) so gewesen. Als ich sie fragte, woran sie das festmachte, meine sie mit einem Schmunzeln: Er erinnerte sich an deinen Namen.






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